Selbst ist der M.

Die Firma

Doppelte Buchführung
Stapelbuchen, Sachkonten und Kreditorenkonten haben mir bis vor wenigen Stunden genauso viel gesagt wie Sollkonten und Habenkonten. Wobei Haben ja immer besser ist als Sollen. Aber das wisst ihr sicher selbst.

Natürlich habe ich damals an der FOS in BWL (wieso denke ich jetzt an “Mfg” von den Fantastischen Vier?) gut aufgepasst. Ja ich hatte an BWL sogar Spaß! Aber irgendwie war die ganze Rechnerei am Ende doch viel zu theoretisch, als dass ich sie in der Praxis hätte anwenden können. Nachdem ich mir aufgrund meiner Selbstständigkeit endlich mal eine gescheite Buchhaltungssoftware angeschafft habe, komme ich an dem Thema nicht mehr vorbei. Und wenn ich ehrlich bin ist es auch super, wenn ich das selbst lerne, stärkt das mein Selbstvertrauen genauso, wenn man Angebote und Rechnungen an zufriedene Kunden schreiben kann. Selbst ist der Mario – so könnte man es kurzum auch ausdrücken. Jedenfalls bin ich nach einer relativ kurzen Session, mit einer Person die sich mit solchen Dingen auskennt, (viele Grüße und noch mal Dankeschön an dieser Stelle) um einiges schlauer und freue mich nun geradezu diebisch darauf, meine gesammelten Quittungen auf die richtigen Konten in der Software zu buchen. Denn, wenn man so etwas macht, hat man Macht. Eine gewisse Art Selbstkontrolle, um zu checken, ob man eine Investition tätigen sollte oder nicht. Weil Investieren auch Spaß machen kann, habe ich mir diese Woche ein neues Objektiv für meine Kamera bestellt, mangelt es doch im Weitwinkelbereich an einer adäquaten Lösung. So fiel meine Wahl auf das Canon EF 24-70 L f2.8. Eine lichtstarke Linse, die ich sicher auch noch auf dem ein oder anderen Konzert einsetzen kann. Aufgrund des Buchstabenzusatzes “L” kostet das dementsprechend auch das Nettomonatsgehalt eines ausgelernten Mediengestalters. Sofern er dieses Gehalt bei der derzeitigen Arbeitsmarktsituation überhaupt bekommt. Stichwort Dumpinglöhne. Aber wie wir nicht erst seit einer Auslage in einem Wiesbadener Schaufenster wissen: Qualität kostet Geld. Und wenn ich mit Hilfe dieser Investition, meine Kunden mit gestochen scharfen Fotos und mich selbst mit der überzeugung etwas Gutes geschaffen zu haben, glücklich machen kann, ist es das absolut wert oder nicht?

Die Mutter aller Vorstellungsgespräche
Warum Selbstständig? Eine sehr gute Frage die ich mit einer kleinen, für euch amüsanten, für mich motivierenden, Vorgeschichte gerne erzähle.

Teil 1
Alles begann im Sommer vergangenen Jahres als ich mich, auf Anraten eines guten Bekannten, auf ein bezahltes Textpraktikum bei einer großen Frankfurter Agentur bewarb. Die Bewerbung wurde für gut befunden und ich bekam einen so genannten Copytest zugeschickt. Das ist ein Test in dem Beispielsweise folgende Aufgabenstellung auftauchen könnte:

“Adidas möchte auf seiner neuen Website mit einem 20 Sek. Flashfilm (kein TV!) seine neuesten Laufschuhe und das Thema “Running” promoten. Der Claim heißt “Runners are different”. Skizziere in ein paar Zeilen Deine Idee, Du musst kein Drehbuch schreiben! Die Idee muss für sich sprechen!”

Die ich folgendermaßen löste:
“Gesamtansicht einer U-Bahn Station in Richtung Gleise. Ein paar Menschen stehen verstreut an der Bahnsteigkante und warten auf den nächsten Zug. Ein Mann hat ein Trainingsoutfit an und steht am Ende des Bahnsteigs. Als die Ansage “Bitte zurücktreten – Zug fährt ein” kommt, beginnt er auf der Stelle zu joggen. Der Zug fährt in die Station ein, die Türen öffnen sich. Die Menschen steigen ein. Unser Jogger begibt sich durch die letzte Tür in den Zug und rennt in Richtung Führerwagen. Sekunden bevor die Türen schließen verlässt er den Zug durch die vorderste Tür. Schnitt. Blende. Runners are different. Blende. Adidas.”

Nachdem ich diese und weitere zehn Aufgaben gelöst hatte, wurde ich zum Vorstellungsgespräch eingeladen.

Das Gespräch verlief gut, ich wurde von zwei Personen zu den verschiedensten Themen befragt, habe Referenzen und bisherige Projekte genannt. Man werde sich bei mir innerhalb der nächsten Woche melden. Beim ersten Vorstellungsgespräch ist man noch zuversichtlich, wenn nicht sogar leichtgläubig, dass diese Aussage Verbindlichkeit hat. Die kommende Woche kam und verging sang und klanglos. Die darauf folgende Woche tat es ihr gleich. In der dritten Woche hakte ich nach. Die Dame von den “menschlichen Ressourcen” hatte meine Bewerbung natürlich gerade auf dem Schreibtisch liegen als ich durchklingelte und entschuldigte sich vielmals für den Fauxpas. Der Agentur habe die Bewerbung sehr gut gefallen, ebenso der Copytest und das Vorstellungsgespräch, allerdings gibt es einen Unterschied zwischen Texten und Texte schreiben. Man sehe mich nicht so im Textbereich. Ich hätte mir diesen Unterschied erklären lassen sollen, bin ich mittlerweile – ein halbes Jahr nach diesem Erlebnis – noch immer nicht schlauer geworden. Auf meine Nachfrage, ob man mir eine andere Stelle als Praktikant anbieten könne, wusste die menschliche Dame aus der Ressourcenabteilung keine Antwort. Fast schon verzweifelt teilte sie mir mit, dass sie im Moment wirklich nicht weiß, wie sie mir helfen könnte. Denken die wirklich, dass sich ein ausgebildeter Texter für ein Praktikum zum Hungerlohn bewirbt? Klar denken die das. Abgehakt.

Teil 2
Das nächste Vorstellungsgespräch führte mich im Herbst zu einer Firma in Wiesbaden, welche Börsengänge von Firmen plant und durchführt. Es geht um eine Stelle als Praktikant im Bereich Mediengestaltung, auch hier mit Bezahlung. Im karg eingerichteten Büro werde ich von einem Mitarbeiter empfangen der mich ins Besprechungszimmer führt. Auf dem Boden stehen Bilderrahmen mit Postern einer dieser Dotcom Firmen, die nun im Besitz von einer anderen Großagentur ist. Die Firma hat alles falsch gemacht, was man damals nur falsch machen konnte. Schnelles Wachstum, schneller Börsengang, und teuren Villen für Vorstandsvorsitzende mitten im Wiesbadener Stadtteil Sonnenberg. Der Geschäftsführer betritt den Raum. Ja diese Firma habe man an die Börse gebracht. Insgesamt seichter Gesprächsverlauf. Man habe schon mal einen Praktikanten gehabt, mit dem es allerdings nicht so gut funktioniert habe. Ich solle erstmal ein dreimonatiges Praktikum machen, wenn alles passt, wird es dann eine Festanstellung, schließlich brauche man jemanden der Broschüren setzt, ein Internetportal aufbaut, gut mit Druckereien kann und nebenbei auch noch die ganze Verantwortung für alle Designfragen übernimmt. Der Geschäftsführer war von meinen Qualitäten überzeugt, ich von seinen aber auch: Schleudersitzjob. Das machst du drei Monate und sie suchen sich den nächsten Dummen. Drei Tage später klingelte das Telefon mit der Nachricht, man wolle mich als Praktikant einstellen. Ich habe abgelehnt. Abgehakt.

Teil 3
Eine Woche später das nächste Vorstellungsgespräch, diesmal bei einer großen Agentur in Bad Homburg. Viele namhafte Kunden, tolles Büro mit oberflächlich netten Leuten. Wieder ein Interview mit zwei Personen, beide sehr nett. Als Junior Art Director habe ich mich beworben. Das Gespräch verlief viel versprechend und man sprach mich auf den Punkt Probearbeit an und wie meine Stundensätze lägen. Man werde sich nächste Woche melden. Klar machen die das, die haben schließlich was drauf! Pustekuchen. Drei Wochen später dasselbe Ergebnis: Absage mit der Begründung, dass es mir an Berufserfahrung fehle. Drei Jahre Ausbildung und zwei Jahre als freier Mediengestalter, Texter und Fotograf reichen nun mal nicht. Wie soll man “Berufserfahrung generieren, wenn man in einer Agentur keine Chance bekommt? Abgehakt.

Teil 4
Eine Agentur im Mainzer Gewerbegebiet. Auf dem Parkplatz steht ein aktueller 5er BMW. Gehört wohl dem Chef. Machen viel für Banken. Der Chef beginnt das Vorstellungsgespräch mit mir in seinem Büro. Wirkt nervös und unkonzentriert auf mich. Abgesehen davon ist sein Stil sehr merkwürdig. Glastisch mit Metallgestell, Schränke mit eloxierten Metallfronten. Das Büro wirkt unterkühlt und so auch der Chef. Nach fünf Minuten bricht dieser das Gespräch ab, er habe einen wichtigen Kundentermin Reinbekommen und muss sofort los. Das Gespräch wird von einem Mitarbeiter aus der Druckvorstufe fortgeführt. Man werde sich in kürze melden. Das war Ende November. Gegen Mitte Dezember kommt ein Schreiben von der Agentur, dass man die Entscheidung auf das Jahr 2006 verschoben habe. Man werde mir dann alles Weitere mitteilen. Mitte Januar kommt ein Anruf vom Geschäftsführer. Man sei an mir interessiert und gehe auch mit meiner Gehaltsvorstellung d’accord. Allerdings wolle er noch ein persönliches Vorstellungsgespräch mit mir führen. Kein Thema also ab nach Mainz. Dort erwartet mich – diesmal im Besprechungszimmer ein streitlustiger Geschäftsführer. Als Komparsen hat er sich einen Jungspund im Anzug aus der Gestaltungsabteilung eingeladen, hat der doch scheinbar mehr Ahnung von Tuten und Blasen als der Chef selbst. Letzterer will wissen was ich wann, wie und wo gemacht habe. Wie ich Rechnungen schreibe und wie ich das mit der Steuer mache. Spätestens hier hätten meine Alarmglocken schrillen müssen, geht es ihn doch einen feuchten Kehricht an. Dann die Frage warum mein letztes Arbeitszeugnis so schlecht sei. Ich beteure auf Unschuld, habe ich doch auch nach meiner Ausbildung mehrere Projekte für die Firma ausgeführt. Des Weiteren habe meine Freundin das Zeugnis analysiert und kam zu einem guten bis befriedigenden Ergebnis. Er konterte mit der Art der Formulierung, welche auf ein negatives Zeugnis hinweisen sollen. Thema abgehakt, was will der Typ überhaupt von mir? Anschließend seichtes Geplänkel, ich wisse ja bestimmt, wie schlecht es da draußen auf dem Arbeitsmarkt aussieht. Sie würden gerne jemanden einstellen, aber eigentlich brauche man niemanden. Man wird sich bei mir am kommenden Mittwoch melden. Meine innerliche Temperatur war zwischen Schockfrost und Höllenfeuer. Mittwoch hatte ich dann eine eMail in meinem Posteingang, man habe die Entscheidung vertagt und werde sich innerhalb der nächsten zwei Wochen melden. Dies geschah auch mit einem Brief per Post. Man stelle zurzeit keine weiteren Mitarbeiter ein, möchte aber gerne meine Unterlagen behalten. Daraufhin forderte ich meine Unterlagen zurück und beendete den Bewerbungsmarathon. Abgehakt.

Was sich manche Agenturen erlauben, grenzt an Dilletantentum. Womit die Frage nach dem “Warum” fast schon beantwortet ist.

Weitere Indizien
Nachdem ich im Laufe der zweiten Jahreshälfte 2005 bemerkte, wie mich immer mehr Personen auf meine fotografischen Arbeiten ansprachen und ich demzufolge auch Aufträge bekam, machte ich mir erste Gedanken über meine weitere berufliche Zukunft. Die Entscheidung ist nun gefallen: Ich mache mich im Kerngeschäft als freier Fotograf und Texter selbstständig. Durch meine berufliche Qualifikation kann man mich aber auch als Mediengestalter buchen. Maßgeblich beeinflusst wurde ich dabei von meinen Auftraggebern, die mich zu diesem Schritt durch ihre Engagements im fotografischen und im textlichen Bereich motiviert haben. Und so kam, was kommen musste: Analyse der Geschäftsidee durch einen Unternehmensberater, Beantragung von überbrückungsgeld beim Arbeitsamt, Besuch von Seminaren zum Thema Selbstständigkeit. Da ich schon Aufträge vorweisen kann und auch Kontakte habe, sieht es also schon mal ganz gut aus. Nun muss man Neukundenakquise betreiben, was für mich ein spannendes Unterfangen wird. Bei einem Telefonat mit meinem ehemaligen Chef und Ausbilder (ja, der mit dem angeblich schlechten Zeugnis), attestierte mir dieser ein gutes Auftreten als Verkäufer. Nun muss ich nur noch mit mir selbst ins Klare kommen, wie ich meine Leistungen bewerbe. Vielleicht bin ich nach dem Marketingseminar ein wenig schlauer als vorher.

Parallel zu diesen Gedanken wird in meinem Ideennest gerade das Ei für meine Selbstdarstellung auf Phase3 ausgebrütet. Auch ein spannendes Thema. Weiß ich doch selbst die Lösung aller Probleme noch nicht. Aber i’m workin’ on it!

Bild des Tages
Seit genau einer Woche in meinen Händen und schon beschriftet und gefüllt: Ladys and Gentleman: Das ist meine Firma! Für den ein oder anderen werden es nur handelsübliche Hängeregister sein, aber für mich ist das eine Art Universum, die alles Geschäftliche zusammenhält. Aber vielleicht solltet ihr einfach nicht alles glauben, was ihr über meine Hängeregister lest ;).

Nun muss ich noch ein paar Quittungen in die Buchhaltung eingeben, schließlich habe ich mich schon die ganze Zeit darauf gefreut :).

Ein Schlusswort an Marina: Danke für alles, was du mir gibst, es ist so unglaublich viel, was ich durch dich lerne und wie ich meine Sichtweise durch deine lerne zu verstehen. Ich liebe dich dafür.

Viele Grüße aus Motorcity
Mario

Comments

  1. Erster, hehe!

    Da wünsche ich Dir für Deine Selbstständigkeit alles Gute. Wir bei Deinem Talent klappen.

    Gruß vom Bonzman

  2. …Bewunderung für deinen Mut!

    saschaF – war eigentlich schon immer ein kleiner Schisser! ;o)

    PS.: Alles Gute von Herzen, Mafagga!

  3. natürlich auch von mir alles gute!

    mensch, jetz verfolge ich deine lebensgeschichte schon so lang – und ich hab es IMMER gewusst!! hab “dich” auch schon an unsere projektleitung weitergegeben – will unseren doofen fotografen nicht mehr. mal abwarten!

    weiter so und liebe grüße!
    annika

  4. Aufpassen! Selbständigkeit hat auch viele pitfalls, allen voran: Kunden die nicht zahlen wollen oder zahlen können. Also, nächstes item auf der BWL-Nachhol-Liste: factoring!
    Bleibt schliesslich noch das bestens bekannte, allgemeine unternehmerische Riskio.

    Ansonsten viel Glück dabei!

  5. Ich hab mit dir wohl wirklich wenig am Hut, doch scheint man Menschen, aufgrund erster Erfahrungen und externer Einflüsse doch etwas verklährt zu sehen. Dies kann sich manchmal jedoch als Irrtum herausstellen.

    Zu deiner Entscheidung und deinem Mut ziehe ich einfach mal den Hut. Hoffe da߸ alles glatt läuft und du dich nur bedingt in die Hand von Banken begeben musst. Dort sitzen die grö߸ten Haie im ganzen Becken…

    Gru߸ aus Mannem

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