Dankbarkeit

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Emotionen
„Wir sollten alle viel dankbarer für das sein, was wir haben“, dachte ich mir, in einem Anflug von Emotionen, als ich heute mit meinem Auto unterwegs war. Bei der Fahrt durch den Wald begegnete ich am Wegesrand einer Gruppe behinderter Menschen. Der eine körperlich, der andere geistig. Eine Person davon erkannte ich. Es war der Vater eines Jugendfreundes, der mittlerweile schon seit bestimmt 15 Jahren verzogen ist. Damals hat er mir einmal die Geschichte von seinem Vater erzählt. Dieser hatte vor einigen Jahren einen schlimmen Autounfall und „starb“ dabei. Genauer gesagt war er klinisch tot. Die Äzte aber schaffen es ihn ins diesseits zurückzuholen und gaben ihm ein neues Leben. Ein Leben mit einer geistigen Behinderung. Für die Familie war das ein Schock. So richtig konnte niemand von ihnen etwas mit dem „fremden Mann“, der da plötzlich an ihrem Esszimmertisch saß, anfangen. In seinem vorigen Leben war er ein angesehener Ingenieur, nach dem Unfall nur noch ein hilfloses Kind, in einer Gesellschaft voller Ellenbogen und Egomanen. Jeder ist auf seinen Vorteil bedacht, egal wer darunter leiden muss. Meist sind die Schwächeren das Opfer im Kampf um Macht und Ruhm. Viele machen dabei auch nicht vor Kriminalität halt, um sich Ansehen in ihren sozialen Kreisen zu erkaufen.

Ich sehe diese Szenen jeden Tag bei der Fahrt durch unsere kleine Stadt. Die Automobilproduktion hat in der Vergangenheit viele Gastarbeiter zu uns gebracht, die hier Familien gegründet haben. Viele ihrer Kinder haben, wenn man deren Auftreten Glauben schenken mag, weder Respekt vor anderen Menschen, noch Anstand die alte Oma mit Gehhilfe in Ruhe über den Zebrastreifen gehen zu lassen. Stattdessen wird die Musik, in ihrem erkauften Selbstbewusstsein, in Form eines bayrischen Automobils, bis zum Anschlag aufgedreht, dass auch die schlecht hörende Oma es mitbekommt. Das Ganze wird nur noch durch die Hupe des Fahrzeuges übertönt, da es den Insassen wohl nicht schnell genug geht, was die Oma an Geschwindigkeit beim überqueren der weißen Balken an den Tag legt. Da wird das Fenster heruntergefahren und der Ellenbogen an der Ampel herausgelehnt, mit dem Gaspedal gespielt, dass jeder die angebaute Doppelauspuffanlage ohne Zulassung hört. Beim Anfahren kommt es besonders lässig, wenn man das Lenkrad nur mit der linken Hand an der Oberkante hält und sich dabei mit seinem Oberkörper in die Mitte des Innenraumes neigt. Klar ist auch, dass man andere Fahrzeuge im Zickzackkurs über zwei Spuren überholt, um an der nächsten Ampel doch nur eine Autolänge entfernt zu sein. Dass dabei so dicht aufgefahren wird, wie es nur möglich erscheint muss ich nicht erwähnen. Das zusammen mit den nachgerüsteten Nebelscheinwerfern eingeschaltete Abblendlicht ist da nur noch obligatorisch. Solche Szenen spielen sich in der Stadt Namens Motorcity tagtäglich ab. Aber nicht nur hier, auch in anderen Ballungsgebieten, Großstädten und selbst im kleinsten Kuhkaff kann man diese Entwicklung nachvollziehen.

Ihr fragt euch jetzt sicher was der Behinderte Mann und die Oma mit dem harten Deppen, zu tun hat. Da ich allerdings eine höchstintelligente Leserschaft mein Eigen nenne, habt ihr es bestimmt schon erkannt. Der Behinderte Mann und die Oma sind die Schwachen und der Depp im Vehikel ist der Starke, auch wenn diese Stärke erkauft ist und der Mensch am Steuer vielleicht nur die Hälfte von dem weiß, was der behinderte Mann alles in seinem Kopf hat, es aber niemandem mehr zeigen kann. Der harte Depp stellt also ein gutes Beispiel für eine dieser Ellenbogenpersonen dar. Das Streben nach materiellen Werten macht ihn zu einer solchen Person. Als ich vor zwei Wochen meinen Opa besucht habe, kam es zu der Nachfolgenden Aussage von mir, die er mir bestätigte. Man kommt als Baby auf die Welt und hat nichts, wächst auf in einer Gesellschaft die einem das Streben nach immer mehr verinnerlicht, bis man im hohen Alter wieder dort angekommen ist wo man begonnen hat – mit nichts.

Also sollten wir viel dankbarer für dies und jenes, auch wenn es sich dabei für uns um ganz alltägliche Kleinigkeiten handelt, könnten wir doch schon morgen auf dem Weg zur Arbeit einen schweren Unfall haben, der unser Leben komplett in Frage stellt.

Bild des Tages
Ein Foto aus der im nächsten Eintrag erscheinenden Paris Serie. Eine Reise für dich ich sehr dankbar bin. Aufgenommen von der ersten Ebene des Eiffelturms aus.

Seid dankbar und passt auf euch auf!
Mario

Comments

  1. Die Ausführungen haben mir heute besonders gut gefallen, da ich sie sehr gut nachvollziehen kann.

    Gruß vom Bonzman

  2. Eine Freundin von mir sagt immer:

    “Wir selber müssen hell werden, wenn die Welt ein klein wenig heller werden soll.”

    Mit Deinem Beitrag hast Du die Welt wieder ein wenig heller gemacht.

    Danke.

  3. sehr schöner text!

    …genau so denke ich auch, besonders seit meinem unfall letztes jahr im februar (manche erinnern sich vielleicht: zebrastreifen, motorhaube, bordstein…)

    allerdings hab ich seitdem auch selber was dafür getan mein leben besser zu machen. bewusster zu leben, zu genießen.
    aufgehört, mich mit vielen sachen selbst kaputt zu machen (rauchen).
    stress (sofern das bei meinem job geht) zu vermeiden.

    denn man muss dankbar sein, für das was man hat. und aufhören selber dazu beizutragen, dass es evtl. schneller vorbei ist, als einem lieb ist.

    ich schließe mich an: passt auf euch auf!
    grüße,
    annika

  4. Absolute Zustimmung!
    Ein wirklich sehr guter und netter Mensch sagt immer: “ich habe bereits erhalten”. Und damit hat er sowas von recht!

    Sashman

    PS.: Ein sehr geiles Foto. Es zeigt, dass wir doch nur kleine Figuren sind und uns manchmal viel zu wichtig nehmen. Erst zusammen sind wir was.

  5. Hey Mario,

    hast mich mit Deinen Worten grad aus ner kleinen Depri-Stress-Phase rausgeholt.
    Hab grad unser neues Bett aufgebaut und am laufenden Band geflucht so dass meine Liebste jetzt auch gestresst und genervt ist.
    Dabei sollten wir uns einfach darüber freuen, dass wir jetzt ein tolles Bett haben und darin….okay, no more words ;-)

    Keep smiling folks and have a nice weekend!

    grüezi, Ingo

  6. Erster!
    der dankbare Just

    PS: Diese Radiografen sagen ja auch immer was davon, dass man ein besserer Mensch werden soll und so eine bessere Welt erhält. Die sind eh toll … :o)

  7. Meine (platonische) Freundin, die Vera, ist “Heilerziehungspflegerin” und hat mit Körperbehinderten und geistig Behinderten zu tun.

    Sie hat so eine leichtfüßige, virtuose Art, wie sie von ihren Behinderten erzählt, das finde ich sehr angenehm. Nichts mit “oooch, die aaaarmen Behindis”. Sie akzeptiert sie so wie sie sind und mag sich auch ob ihre Eigenarten und Besonderheiten. Weil sie nicht so sind wie die Masse.

    Sie lacht auch mal über die Marotten der Behinderten oder ihr Verhalten. Aber niemals herablassend, immer nett und lustig.

    Für mich ist das genau die richtige Art mit solchen Leuten umzugehen – auf Augenhöhe, ohne diesen negativen Schwermut und die aufgesetzte Mitleidigkeit.

    (Hmmm. Das klingt ja hier fast so wie eine Liebererklärung an Vera… Hoffentlich liest sie das nie ;-)).

  8. Ich tue es zwar selten, doch ist es immer wieder schön in deinem Webblog zu stöbern und zu lesen! Schöne “Geschichte”!

    Liebe Grüße,
    Lennart

  9. Ich habs nicht gelesen aber der 20ste war Führergeburtstag, hättest da ruhig mal drauf eingehen können :D

    Wie sind deine Luminalebilder geworden?

  10. @lars: Irgendwie verstehe ich deine Gedankengänge *hehe*. Luminalefotos habe ich noch keine gemacht. Will ich aber noch, sofern sich das Wetter wieder einkriegt.

    Gruß
    Mario

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