Erinnerungen

Opa

Geboren im Jahre 1915 im ostpreußischen Rastenburg. Im zweiten Weltkrieg und dem spanischen Bürgerkrieg auf allen möglichen Flugzeugen als Pilot im Einsatz – sogar beim Jagdgeschwader Richthofen verbrachte er einige Zeit. Er war Segelflugzeugbauer, Dressurreiter, Eishockeyspieler & Trainer, Finanzbeamter und Tischlermeister mit eigener Firma. Eine seiner Arbeiten steht heute auf dem Dachboden: Ein Kaufladen mit allem drum und dran. Als ich noch ein Kind war habe ich gerne „Kaufladen“ mit Freunden gespielt. Rastenburg-Hotstein-Berlin-Weimar-Mainz – er ist viel herumgekommen für einen Mann, der am Ende doch die meiste Zeit in seiner neuen Heimat war. In Mainz angekommen arbeitete er als Bauarbeiter für das Bauunternehmen Best in Mainz-Kostheim und gleichzeitig für eine Getränkevertrieb als Schreiner. Danach ging es nach Rüsselsheim. Fast 40 Jahre lang lebte er hier zusammen mit meiner Oma in einer Wohnung in Rüsselsheim. In dieser Wohnung sind mein Vater, seine Brüder und eine Schwester groß geworden, während er bei Opel in der CND-Versandabteilung komplette Autos in Einzelteile zerlegte..

In den Neunzigern hatte er während eines Spanienurlaubs einen schweren Schlaganfall und musste mit einem Ambulanzflugzeug zurück nach Deutschland geholt werden. Ich kann mich noch gut erinnern wie mein Vater stundenlang mit der Versicherung am Telefon diskutierte, weil die keine zeitnahe Rückholung veranlasste. Seitdem war er halbseitig gelähmt und konnte gar nicht mehr laufen. Zuvor ging er meistens am Stock. Nach dem plötzlichen und unerwarteten Tod meiner Oma, kam er in ein Seniorenwohnheim. Das hat ihm allerdings alles gar nicht gefallen. Am schlimmsten war es für ihn, dass Oma vor ihm gestorben ist. Dabei wünschten sich die beiden immer zusammen einschlafen zu können und nicht mehr aufzuwachen wenn es soweit ist.

Um der Eintönigkeit im Heim zu entfliehen bekam er regelmäßig Besuch von Familienangehörigen. Meine Eltern hatten ihren festen Tag im Kalender – den Mittwoch. So hatte er etwas, worauf er sich freuen konnte. Im Winter ging man ins Café, im Sommer dagegen zum Odenwaldclub in Nauheim, wo er hin und wieder ein Bier trank und sich mit den Leuten unterhalten hatte.

Unterhalten konnte man sich mit ihm sowieso gut, , auch wenn man ihn durch die halbseitige Lähmung nicht immer auf Anhieb verstanden hat. Wobei er nicht immer erzählfreudig war und man meistens nachfragen musste bis er mit seinen Erzählungen losgelegt hatte. Auch wenn der Körper nicht mehr so wollte: Vom Kopf war er fit wie eh und je. Egal was man ihn fragte: Er konnte sich an alles ganz genau erinnern. Das waren nicht nur Kontostände, sondern auch Jahreszahlen und Orte. All die winzigen Details, die sonst keiner bemerkt, hatte er in seinem Kopf gespeichert. Andere Menschen im hohen Alter erzählen nahezu pausenlos von Krankheiten oder dem Krieg. Er war da von ganz anderem Kaliber und hatte bis auf das hohe Alter nichts mit den anderen Bewohnern vom Seniorenwohnheim gemeinsam. Er muss sich dort wie ein Sehender unter Blinden gefühlt haben und ich finde es mittlerweile schade ihn nicht so oft besucht zu haben, wie ich es wollte.

Main Vater hatte kurz nach dem Tod von Oma zu mir gesagt, ich soll aufschreiben was Opa erzählt und ein Buch daraus machen. Das hätte sich aber durchaus schwierig gestaltet zumal er nicht immer gerne erzählt hat und es auch Themen gab worüber er nicht sprechen wollte. Seine erste Frau zum Beispiel war eines dieser Themen, worüber wir nie sprachen und wovon bis heute niemand genaueres weiß.
Nach dem Tod meiner Oma war es schwierig einen Draht zu ihm aufzubauen, da meine Oma immer die Bezugsperson für mich war. Wenn die beiden nicht gerade unterwegs waren, saßen sie im Wohnzimmer ihrer 3-Zimmer-Wohnung – Oma auf der Couch und er auf seinem Sessel. Sie waren 59 Jahre lang verheiratet, bis meine Oma starb. Am 23.12.2008 wurde er 93 Jahre alt. Zwei Monate zuvor ist das letzte Foto von ihm entstanden. Opa war erschrocken als er sich selbst auf dem Display der Kamera sah, weil er so alt aussieht.

Als meine Eltern ihm ein frohes Neues Jahr wünschten, fragten sie Ihn nach seinen Wünschen für 2009.
Er antwortete ihnen, dass er sterben will. Wahrscheinlich, weil er endlich zu Oma wollte, die er seit fast drei Jahren nicht mehr gesehen hat.

Sie sind jetzt wieder glücklich zusammen.

Tschüss und bis bald Opa!
Mario

Comments

  1. Hallo Mario,

    ich war sehr bei Deinen Zeilen gerührt. ich auch liebte meinen Opa aber ich habe ihn nicht mit so einem schönen Text geehrt. Obwohl wir uns nicht kennen teile ich Dir mein aufrichtiges Beileid auch.
    Ich bin zufällig auf Deine Seite gekommen denn, vor über 20 Jahren schreibe ich die Chronik des Jagdgeschwaders Richthofen in welcher Dein Opa anscheinend geflogen ist. Zwei Bände sind schon erschienen. Hättest Du vielleicht näheren Angaben über seine Zeit als Flugzeugführer? Vielleicht habe ich selbst etwas über ihn in meinem Archiv??

    Viele Grüsse

    Erik

    PS: Sorry für mein schlecht Deutsch!

  2. @Erik: Ich habe leider keine weiteren Infos über seine Zeit beim Jagdgeschwader. Die einzige Info die ich habe: Er ist Junkers Ju-52 in Einsätzen über Spanien gefolgen. Das war dann aber auch schon alles was er erzählt hat.

    Direkt aus Motorcity
    Mario

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